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"Corona ist wie Knast in Freiheit"

Evangelische Gefangenenfürsorge: Lage für Haftentlassene ist schwierig

Kevin Krämer (Name geändert) weiß nicht, wie es weitergeht. Eigentlich ging es aufwärts, seit er vor sieben Monaten aus der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf entlassen wurde. Er hatte eine Arbeitsgelegenheit, und auch die Suche nach einer eigenen Wohnung und einer festen Stelle hatte Fahrt aufgenommen. Und dann kam Corona. Die Arbeitsgelegenheit war weg, und alles Weitere rückte auch in weite Ferne.

„Fälle wie die von Herrn Krämer haben wir jetzt viele“, sagt Carola Schüler, Leiterin der Evangelischen Gefangenenfürsorge unter dem Dach der Diakonie Düsseldorf. Wie viele andere externe Dienste musste die Diakonie ihr Angebot in der JVA einstellen, konzentriert sich seitdem auf die Beratung Haftentlassener und ihrer Angehörigen. „Auch diese Menschen stehen jetzt vor großen Herausforderungen. Eine der größten: die soziale Isolation. Viele Haftentlassene haben kein großes soziales Netz, auf das sie sich jetzt stützen könnten.“ Auch Kevin Krämer berichtet davon. Seit seiner Entlassung lebt er in einer Übergangswohngruppe. „Hätte ich die Mitbewohner und die Sozialarbeiter der Gefangenenfürsorge nicht, hätte ich gar keine sozialen Kontakte mehr. Im Grunde ist die Zeit mit Corona wie Knast in Freiheit.“ 

„Gerade für Haftentlassene wäre es wichtig, wieder soziale Kontakte zu knüpfen, schließlich geht es darum, im Leben wieder Fuß zu fassen“, sagt Carola Schüler. Dazu komme, dass auch wichtige Termine wie Wohnungsbesichtigungen oder Beratungsgespräche im Jobcenter oft gestrichen oder verschoben würden. Bei Haftentlassenen könne diese Hängepartie ein ernsthaftes Problem für die Resozialisierung bedeuten. Schüler appelliert an Ämter und Behörden, dies etwa bei der Terminvergabe zu berücksichtigen. „Corona stellt uns alle vor große Herausforderungen. Neben den älteren Menschen und den Kindern dürfen wir aber auch diese Menschen nicht vergessen, die ebenfalls Unterstützung im Alltag brauchen.“ Schüler hofft außerdem, dass mit entsprechenden Schutzmaßnahmen auch die Arbeit in der JVA bald wieder aufgenommen werden kann. „Die Inhaftierten brauchen uns auch.“

Die Beratungsstelle für Haftentlassene und ihre Angehörigen wird gemeinschaftlich von der Evangelischen Gefangenenfürsorge der Diakonie Düsseldorf und dem Katholischen Gefängnis-Verein e.V. Düsseldorf betrieben. Neben den täglichen Beratungsangeboten bietet die angrenzende Übergangswohngemeinschaft vier Haftentlassenen Unterkunft und intensive Unterstützung durch ambulant betreutes Wohnen.

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