Alkohol als Ersatzperson Bindungsexperte Karl Heinz Brisch über „Bindung und Sucht“

Bindungsexperte Karl Heinz Brisch über „Bindung und Sucht“

Dass eine sichere Bindung für das Aufwachsen eines Kindes mitentscheidend ist, hat sich unter Eltern und Pädagog*innen in den vergangenen 20 Jahren herumgesprochen. Einen großen Anteil daran hat Bindungsforscher Professor Dr. Karl Heinz Brisch. Hier im Interview berichtet er darüber, warum das Fehlen einer solchen sicheren Bindung auch für Suchterkrankungen verantwortlich sein kann.

Sehr geehrter Herr Professor Brisch, warum ist das Thema Bindung überhaupt so wichtig?

Nach all dem, was wir aus der Forschung heute wissen, haben Babys ein grundlegendes Bedürfnis, eine Bindungsperson zu suchen, die für das Überleben wichtig ist. Diese Bindungspersonen stillen die Grundbedürfnisse und helfen dem Baby, seine negativen Gefühle – Hunger oder Angst beispielsweise – zu regulieren. Dann entwickelt sich ein Urvertrauen. Die erste Zeit ist sehr prägend, und die Auswirkungen, wenn Kinder keine sichere Bindung erfahren, weil sie etwa Gewalt und Vernachlässigung erfahren haben, sieht man schnell. Die Kinder sind, wenn sie etwas größer werden, hoch auffällig, aggressiv und teilweise nicht beschulbar. 

Und suchtkrank können sie auch werden?

Das ist natürlich nicht zwangsläufig, aber bei vielen Suchterkrankungen spielt die fehlende sichere Bindung aus dem Kindesalter eine Rolle. Wenn Menschen nicht gelernt haben, dass andere ihre Gefühle gut mitregulieren, dann bleibt das Stresstoleranzfenster sehr schmal. Dann sehen wir schon Zehn-, Zwölfjährige, die viele Stunden am Computer Gewaltprogramme spielen, die sehr viel essen, oder später Alkohol oder Drogen nehmen – alles, weil das Wege sind, das extreme Stresserleben zu reduzieren. Das Suchtmittel ist der Ersatz für eine Bindungsperson, die eigentlich zur Regulation der Erregung helfen müsste.

Hilft dieses Wissen denn bei der Therapie?

Ja, Therapeutinnen und Therapeuten in der Suchtarbeit müssen das wissen. Denn die Therapie selbst und die Verarbeitung von früheren, etwa traumatischen Erfahrungen ist Stress – und die begleitenden Personen müssen dann die Aufgabe von Bindungspersonen übernehmen. Und das viele Male. Man braucht als Erwachsener teilweise mehrere 100 positive Erfahrungen, damit die negativen aus der Kindheit überschrieben werden. 

Wie weit ist das Wissen über Bindung denn in der therapeutischen Arbeit bereits verbreitet?

Es kommt langsam an. Zum Thema „Bindung und Sucht“ ist jetzt auch ein Buch erschienen, das das Thema intensiver beleuchtet. Aber auch ganz andere Bereiche der sozialen Arbeit spüren die Auswirkungen fehlender Bindung. Alle, die in Beziehung mit Menschen arbeiten, sollten deswegen die Grundlagen der Bindungsforschung kennen – zum Beispiel auch Altenpflegekräfte, weil sich die Bindungsabbrüche in der Kindheit zum Beispiel noch einmal deutlich zeigen, wenn die Menschen demenziell erkranken.

Hintergrund

Dr. med. habil. Karl Heinz Brisch ist Professor an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Neurologie. Er ist Vorstand des weltweit ersten Lehrstuhls für Early Life Care und leitet das gleichnamige Forschungsinstitut an der PMU in Salzburg. Sein Fachbuch „Bindung und Sucht“ ist im Klett-Cotta-Verlag erschienen.

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