So fällt der Umzug ins Pflegeheim leichter

Volker Schotte erklärt, was ein gutes Pflegeheim ausmacht

Ein Bewohner im Gespräch mit einer Pflegerin

Volker Schotte leitet das Tersteegen-Haus in Golzheim. Im Interview erklärt er, woran man schwarze Schafe in der Branche erkennen kann, was ein gutes Altenheim ausmacht und warum eine gute Atmosphäre immer auch ein Zeichen für Qualität ist.

Herr Schotte, wann kann es sinnvoll sein, in ein Pflegeheim zu ziehen? 

Es gibt oft eine akute, ganz plötzliche Veränderung: Alte Menschen fallen zum Beispiel so unglücklich, dass sich den Oberschenkelhals brechen, oder sie bekommen einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt. Dann verschlechtert sich der Allgemeinzustand, der vorher schon altersbedingt eingeschränkt war, massiv. Wenn dann die eigenen vier Wände nicht altersgerecht ausgestattet sind, taucht schnell die Frage auf: „Wie geht es jetzt mit mir oder meinem Angehörigen weiter?“ Und dann gibt es diejenigen, deren Hilfsbedürftigkeit langsam immer weiter fortschreitet und deren bestehende Hilfen deshalb irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Diese Gruppe sagt dann oft selbst: „Das geht nicht mehr, ich muss ins Pflegeheim.“

Was verbinden diese Menschen mit einem Umzug ins Pflegeheim?

Sie wollen Sicherheit, also Versorgungssicherheit: Im Heim wissen, sie, dass sie gut versorgt werden und Hilfe bekommen – und zwar wann immer es nötig ist. Wenn die Angehörigen nicht mehr in der Nähe leben, die Freundinnen und Freunde verstorben sind und der einzige Kontakt am Tag der Pflegedienst ist, der aber auch nur für einen relativ überschaubaren Zeitraum kommt, dann fühlen sich viele Menschen einsam. Oft ist es auch so, dass diese Menschen ihre Wohnung nicht mehr selbstständig verlassen können –  die sozialen Kontakte sind in diesem Fall auf ein Minimum reduziert. Im Pflegeheim können sie schnell wieder neue Menschen kennen lernen.

Es gibt aber auch Verlaufsformen einer Demenz, bei denen die Menschen noch ganz gut zurechtkommen, aber die Tagesstruktur fehlt. Dann brauchen diese Menschen ganz viele Impulse von außen, also jemanden, der sie an Dinge erinnert, wie etwa „Es ist 9 Uhr: Zeit aufzustehen“ oder „Ihr Hemd ist nicht zugeknöpft“ oder „Sie brauchen eine Jacke, wenn Sie nach draußen wollen“. Sie sind nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen, und brauchen eine Person, die auf sie achtet.

Wenn die Entscheidung gefallen ist, dass ich oder ein Angehöriger in ein Pflegeheim möchte, wie finde ich dann das passende für mich?

Es gibt ältere Menschen, die in die Nähe der Kinder ziehen wollen, weil diese eben mal vorbeikommen können ohne eine lange Anfahrt zu haben. Aber den meisten Menschen ist es wichtig, in dem Quartier zu bleiben, in dem sie auch schon vorher gelebt haben. Denn dort sind die verbliebenen sozialen Kontakte, dort kennen sie sich gut aus. Die Vorstellung, nochmal ganz neu anfangen zu müssen, fällt vielen Menschen schwer. Im Café des Tersteegen-Hauses wollen wir deshalb Begegnung ermöglichen – zur alten Nachbarschaft, zur Kirchengemeinde, zu Freundinnen und Freunden. Wenn ein alter Mensch nicht mehr in der Lage ist, selbst rauszugehen, dann ist es unsere Aufgabe, diese gewohnten Strukturen zu uns ins Haus zu holen. Viele Veranstaltungen in unserem Haus bieten wir auch der Öffentlichkeit an, damit der rege Austausch mit den Nachbarinnen und Nachbarn bestehen bleibt.

Angenommen, ich habe einige Pflegeheime in meiner Nachbarschaft gefunden, die infrage kommen: Was sind dann die nächsten Schritte?

Ich empfehle immer, direkt in die Einrichtung zu gehen, um sich selbst vor Ort ein Bild zu machen und dort um ein Beratungsgespräch zu bitten. Wenn ich als Leiter eines Pflegeheims ein solches Gespräch führe, versuche ich zuerst einmal herauszufinden, welche Probleme im konkreten Fall vorliegen und welche Lösungen passen könnten. Und manchmal ist es tatsächlich so, dass die Interessenten durch Verbesserungen ihres Wohnumfelds wie etwa den Einbau eines Treppenlifts oder den Einsatz der Tagespflege in ihre eigene Wohnung zurückkehren können. Dann bin ich nicht darüber traurig, dass sie nicht den Pflegeheimplatz nehmen, den ich gerade frei habe. Aber zurück zum Thema: Man sollte in einer Einrichtung schauen, wie dort die Atmosphäre ist. Gibt es dort ein Wohnumfeld, das zu mir passt? Ich glaube, dass Menschen sehr schnell mitbekommen, was für eine Atmosphäre in einem Haus herrscht: Werde ich bemerkt? Werde ich gegrüßt? Spricht man mich an? Sind die Mitarbeitenden freundlich? Auch daran merkt man, ob das eine gute Pflegeeinrichtung ist oder nicht.

Gibt es weitere Kriterien, an denen man erkennen kann, dass eine Pflegeeinrichtung vielleicht nicht die richtige ist?

Das ist schwierig, weil das ja auch immer eine ganz persönliche Einschätzung ist. Aber es gibt Pflegeketten, die kleinere Unternehmen aufkaufen und dann mit bis zu 300 Einrichtungen am Markt sind. Diese Ketten haben einen Anlagehorizont von fünf Jahren, das heißt:  Ihr Ziel ist es, mit den Immobilien eine Rendite zu erwirtschaften. Über Tochtergesellschaften wird dann die eigentliche Pflege organisiert. Schwerpunkt ist also nicht der Mensch, der möglichst gut versorgt werden soll, sondern die Rendite. Deshalb gilt es herauszufinden, wie professionell gearbeitet wird, also wie gut das Personal aus- und weitergebildet wurde. Oder wie kompetent die Einrichtungen mit Konflikten umgehen. Wenn Menschen gerne arbeiten, entwickelt sich diese Dienstleistungsmentalität.

Wie erleben die Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben, den Umzug ins Pflegeheim?

Die Trennung von der Wohnung, in der sie wahrscheinlich sehr gerne gelebt haben, bedeutet eine enorme Herausforderung. Möglicherweise mussten sie auch das Eigenheim verkaufen, um den Pflegeplatz zu finanzieren. Es ist eine riesige Umstellung, sich an ein 20 Quadratmeter großes Zimmer zu gewöhnen. Wir sagen dann, dass es ja nicht nur die 20 Quadratmeter sind, sondern dass es auch einen Gemeinschaftsraum, eine Bibliothek und einen Garten gibt. Aber in der Wahrnehmung der Betroffenen müssen sie sich massiv verkleinern. Es gibt diejenigen, die froh sind, weil sie jetzt nur klingeln müssen, und es kommt jemand, und es gibt die anderen, die sagen: „Oh, was für ein Verlust.“ Die Trennung von der Wohnung ist für sie wie ein kleiner Tod. In dieser Trauer reagieren die Menschen auch mit Rückzug oder mit Verärgerung. Für sie ist es wichtig vorab zu wissen, dass das kommen kann und dass sich das nicht gegen die Mitarbeitenden richtet. Auf diese Weise können wir mit Konflikten in der Umzugsphase viel besser umgehen.