Im Leben weniger allein

Im Friedrich-Naumann-Haus finden junge Männer Zuflucht, die besondere Schwierigkeiten haben: keine feste Wohnung, Probleme mit Drogen und Schulden

Bewohner stehen am Hauseingang

Text: Carolin Scholz, Foto: Gerald Biebersdorf

 

Der Tag im Friedrich-Naumann-Haus beginnt zeitig. Wenn sich um 9 Uhr die Gruppen zu einer kurzen Besprechung treffen, sind einige Bewohner schon aus dem Haus – arbeiten. Frederik nimmt noch ein paar letzte Bissen von seinem Frühstück und einen Schluck Kaffee in der kleinen Ess-Ecke, die zum Flur seiner Gruppe gehört, und macht sich auf in die Küche unter dem Dach. Spülmaschine ausräumen, dann Kartoffeln schälen. „Ich mag die Struktur hier. Das hatte ich vorher nicht so“, sagt der 25-Jährige. Da habe er noch bei seinem Vater gewohnt – und sich den ganzen Tag verkrochen. Depression, keine Ausbildung, keine Arbeit. Und keine Ahnung, wie das besser werden soll. Seit September 2020 lebt Frederik im Friedrich-Naumann-Haus der Diakonie Düsseldorf.

Auch Phillip, der bald 24 wird, ist einer der Bewohner. Er ist seit Oktober hier. Vor drei Jahren schon hatte ein Sozialarbeiter ihm das Friedrich-Naumann-Haus ans Herz gelegt – da war Phillip im offenen Vollzug. „Damals wollte ich das nicht“, erinnert er sich. Nachdem er zwei Jahre keine feste Wohnung hatte, hat er im Oktober 2020 dann doch angerufen. „Ich wollte nicht mehr mal hier und mal da schlafen“, sagt er. Vier Monate lang hatte er da schon einen Job und die Aussicht auf eine Ausbildung im Supermarkt. Eine Wohnung habe er trotzdem nicht gefunden. Er erhofft sich von der Zeit in der Einrichtung eine Wende in seinem Leben. „Vor ein paar Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich mal so einen geregelten Job habe“, sagt er lachend. Es sei schön, jeden Monat sicheres Geld zu verdienen. Und hier im Haus sei er im Leben auch nicht so allein, wie er es vorher war.

Bewohner beim Spaziergang mit einem Betreuer

25 Plätze hat das Friedrich-Naumann-Haus – die sind meist voll belegt. Der Altersdurchschnitt liegt bei 23 Jahren. Etwa die Hälfte der Bewohner hat sich selbst bei der Einrichtung gemeldet. Einige werden durch das Internet auf das Angebot aufmerksam, andere bekommen den Tipp von Betreuenden oder Sozialarbeitenden, wie Phillip. Wer sich meldet, kann zum Kennenlernen am Niederkasseler Kirchweg 45 vorbeikommen, sich vorstellen und umsehen. Danach überlegen die Mitarbeitenden, ob der Interessent und sein Bedarf zum Haus passen, und entscheiden über den Einzug. Im ersten halben Jahr sind die Bewohner in der Regel im und am Haus beschäftigt. „Wir machen hier vieles selbst – kochen, putzen, Dinge reparieren, den Garten pflegen“, sagt Timo Stascheit, Leiter der Einrichtung. Für je zwei Monate werden die Bewohner dafür in eine von drei Gruppen eingeteilt: Küchenteam, Reinigungsteam und Werkstatt- und Gartenteam. Das Küchenteam ist vor allem für das gemeinsame Mittagessen zuständig – Frühstück und Abendessen organisieren die Bewohner jeder für sich. Das Reinigungsteam hält vor allem die Gemeinschaftsbereiche sauber. Das Werkstatt- und Gartenteam ist für die Pflege des Gartens und Reparaturen am Haus verantwortlich. Immer wieder werden aber auch eigene Projekte umgesetzt: Momentan stellen sie etwa mit Jörg Schmitz, der Schreiner, Schlosser und Arbeitstherapeut ist, eigene Tischtennisschläger her. Nach zwei Monaten wird gewechselt, jeder Bewohner ist in jedem Bereich mal dran. „Wer hier herkommt, sollte die Bereitschaft zum Mitwirken mitbringen“, sagt Stascheit.

Bei der Arbeit im Garten habe ich gemerkt, dass ich gut darin bin und ich gerne draußen arbeite

Frederik hatte zuerst keine große Lust auf den Küchendienst. Doch jetzt findet er auch den in Ordnung. Mit Mitbewohner Lukas und Daniel Garcia-Jimenez aus dem Team des Hauses bereitet er heute Frikadellen mit Kartoffeln, Erbsen und Möhren vor. Vor der Küche war er in Garten und Werkstatt beschäftigt – am liebsten hätte er dort weiter­gemacht. „Bei der Arbeit im Garten habe ich gemerkt, dass ich gut darin bin und ich gerne draußen arbeite“, sagt Frederik. Der Dienst hat ihm so auch eine neue Perspektive gegeben. Nach der Schule hatte er eine Ausbildung bei der Bundeswehr gemacht. Durch seine psychische Erkrankung, die, wie er sagt, durch eine private Katastrophe aufgetreten ist, konnte er dort nicht mehr arbeiten. Nun hat er schon eine Idee, wie es beruflich für ihn weitergehen könnte: Er möchte eine Ausbildung zum Gärtner anfangen.

Die ersten zwei Wochen sind vor allem zum Ankommen gedacht. Danach legen Mitarbeitende und der Bewohner dann gemeinsam fest, welche Ziele er sich für die nächste Zeit vornimmt. „Nach einem halben Jahr wissen wir ungefähr, wo Stärken und Schwächen liegen“, sagt Timo Stascheit. Will der Bewohner eine Ausbildung beginnen – oder direkt in einen Beruf einsteigen? Oder ist es sinnvoller, erst einen Schulabschluss nachzuholen? Eine Etage unter der Küche, in der Lukas und Frederik noch am Mittagessen arbeiten, stehen ein paar der Jungs, wie Timo Stascheit sie nennt, an den Türrahmen der Zimmer. Die sollen heute nachgestrichen werden. Jeder bewohnt hier ein möbliertes Einzelzimmer mit Bett, Tisch, Handwaschbecken und Minikühlschrank – Badezimmer und Essbereich mit Küchenecke werden in Kleingruppen geteilt. Vier Gruppen wohnen im Haus, zwei davon in selbstständigeren Trainingswohnungen. Dazu gibt es eine Außenwohnung, in der sich die, die kurz vor dem Auszug stehen, wieder an das Wohnen außerhalb gewöhnen können. Der Auszug in eine eigene Wohnung oder eine alternative Wohnform steht meist nach etwa anderthalb Jahren an. „Das Haus ist kein Dauerangebot“, sagt Timo Stascheit. Übergangsweise ist danach noch Unterstützung möglich, etwa bei behördlichen Fragen, auch ein Ambulant Betreutes Wohnen wird vereinzelt als Anschlusshilfe installiert.

Bewohner spielen Tischtennis

Julian würde lieber mit Tieren arbeiten

Die jungen Männer, die gerade die Türrahmen streichen, gehören zum Werkstattteam. Die Stimmung ist locker, keine Spur von dem, was sie schon hinter sich haben. Einige haben viel Mist erlebt, sagt Stascheit, seien nicht von heute auf morgen wohnungslos geworden. Die Familienverhältnisse seien oft zerrüttet, bei einigen ist auch Gewalt ein Thema. Oder eben Drogen.

Julian ist groß und schlank und gut gelaunt. Seine Geschichte beschreibt der 21-Jährige als unspektakulär. Seine Ausbildung zum Schreiner habe er abgebrochen – immer wieder gab es Zoff mit dem Chef. „Das war auch eigentlich nicht, was ich wollte“, sagt er. Er würde lieber mit Tieren arbeiten. Aus der Wohnung der Eltern ist er mit seiner damaligen Freundin zusammengezogen. Als die Beziehung in die Brüche ging, stand er auf der Straße. „Hier bin ich einfach viel aktiver, vorher habe ich den ganzen Tag nichts gemacht“, sagt Julian. Nur gekifft und an der Konsole gezockt. Seit Dezember lebt er hier. Er hat das Gefühl, jetzt wieder in die reale Welt zurückzukommen, statt nur auf dem Sofa zu sitzen. „Ich bin jetzt viel mehr in Bewegung und kann mich einbringen.“

Struktur und eine Perspektive für die Zukunft – das will das Friedrich-Naumann-Haus seinen Bewohnern geben

Bewegung ist ein wichtiges Thema im Friedrich-Naumann-Haus. Einmal pro Woche gibt es eine Laufgruppe und Fußballtraining beim SC West um die Ecke. Außerdem können die Bewohner die „Muckibude“, den Kraftraum im Keller des Hauses, nutzen.

Struktur und eine Perspektive für die Zukunft – das will das Friedrich-Naumann-Haus seinen Bewohnern geben. Wie gut das klappt, ist für die Mitarbeitenden oft nicht so leicht abzulesen. „Die Psyche lässt sich nicht messen“, sagt Timo Stascheit. Wenn junge Männer ohne Job, ohne Einkommen und ohne Wohnung ankommen und mit Beruf oder Ausbildung in die eigene Bleibe ausziehen, ist das natürlich ein messbarer Erfolg. Einzelne ehemalige Bewohner melden sich später nochmal und erzählen von ihrem neuen Leben.

Ob eine Ausbildung zum Gärtner, im Supermarkt, in einer Tierarztpraxis oder dort, wo es eben passt – auch die Jungs im Friedrich-Naumann-Haus schauen nach vorne. „Ich wünsche mir, irgendwann keine Sorgen mehr zu haben“, sagt Julian. Auch seine Familie finanziell unterstützen zu können, wünscht er sich. „Ich will einfach ein gesundes Leben führen – in geregelten Bahnen.“