Hartes Pflaster

Frank war obdachlos. Eine Zeit, in der nur das Überleben zählte, wie er sagt. Heute hilft er anderen, in ihre eigene Wohnung zu ziehen.

Wohnungsloser sitzt auf der Straße

Text und Fotos: Karl Grünberg

„Housing First“ heißt das Projekt, welches das scheinbar Unmögliche angeht: Menschen von der Straße in einen Mietvertrag zu vermitteln, ohne Vorbedingungen, ohne Verpflichtung. Kann das funktionieren?

Manchmal kann Normalität ein Wunder sein. Ein voller Magen zum Beispiel. Oder frisch geduscht zu sein. Für Frank Richter sind das kleine Wunder. Zehn Jahre hat er auf den Straßen von Berlin gelebt. Bei Kälte. Bei Hitze. Ohne Hilfe. Nicht einen Pullover hat er sich von der Obdachlosenmission schenken lassen. Nicht eine Nacht war er in einer Obdachlosenunterkunft. „Die Brücke war mein Dach, der Fluss war mein Vorgarten. Mein Wassergrundstück habe ich es immer genannt. Ich habe mich nur auf mich verlassen. Nur mir alleine vertraut“, sagt er heute über diese Zeit, in der es nur darum ging, wie er den nächsten Tag überlebte. Und den nächsten.

Housing First ist ein gemeinnütziger Verein, der einen radikalen Ansatz der Wohnungslosenhilfe vertritt

Zwischen seinem Leben damals und seinem Leben heute liegen Welten. Heute kann Frank eine kleine Wohnung sein Zuhause nennen. Heute hilft er anderen, den Absprung von der Straße zu schaffen. Zum Interview trifft man Frank an seinem Arbeitsplatz bei Housing First Berlin. Der 56-Jährige sitzt an einem großen Konferenztisch, Maske vor dem Gesicht, eine Plexiglasscheibe als Trenner vor ihm aufgebaut. „Einfach nur Frank, bitte, und duzen ist mir auch lieber“, sagt er.

Housing First ist ein gemeinnütziger Verein, der einen für Deutschland fast schon radikalen Ansatz der Wohnungslosenhilfe vertritt: „Wir bringen obdachlose Menschen in Wohnungen mit Mietvertrag. Direkt von der Straße. Ohne Vorbedingungen, ohne Forderungen.“ Das wiederum sagt Franks Chefin Corinna Münchow bei einem weiteren Interview, das wegen Corona per Video stattfinden musste.

Frank trägt ein verwaschenes Hemd. In der Hemdtasche steckt eine Packung Drehtabak. Zigaretten und Kaffee sind seine Sucht. Weil er gerade nicht rauchen kann, kreisen seine Daumen umeinander. Eine Wintermütze sitzt auf seinem Kopf, „die lasse ich immer drauf“. Darunter schauen blonden Haare hervor. Blonde, buschige Augenbrauen hängen über seinen blauen Augen. Augen,die einen unentwegt mustern, während er berichtet. Als ob sie registrieren wollen, was all das Gehörte mit dem Gegenüber macht. Ob es ihn abstößt? Ob er verurteilt? So wie Frank schon oft verurteilt wurde, weil er in Mülltonnen nach Essbarem suchte, weil er im Sommer so vor Schweiß stank, dass die Menschen in der Bahn den Waggon wechselten.

Frank war einer von 50.000 Obdachlosen in Deutschland

Die ersten Tage auf der Straße wusste Frank nicht, was er machen, wo er schlafen, wie er sich verhalten sollte. Alles war neu, alles ungewohnt. Er war eben aus dem Gefängnis entlassen worden. Er hatte Schulden nicht zahlen können, die er wegen S-Bahn-Fahrens ohne Ticket angehäuft hatte. Die Wohnung war nun weg. Frank war nun einer von 50.000 obdachlosen Menschen in Deutschland, eine Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe. Eine genaue Statistik wird nicht erhoben.

Schnell lernt er, dass er einen versteckten, ruhigen Ort braucht. Den findet er auch: eine Brücke mitten im Stadtbezirk Neukölln. Hier fließt ein Fluss. Hier kommt niemand vorbei, der ihn stören, verjagen oder angreifen könnte. Auch das sind Kategorien der Straße. Immer wieder werden schlafende Wohnungslose überfallen, geschlagen, ihre Zelte werden angezündet. In den letzten zehn Jahren hat sich die Gewalt gegen diese Gruppe in Deutschland verdoppelt, auf rund 1.400 Taten.

Frank trinkt Bier nie vor 12 Uhr

Frank passt auf. Geht erst hin, wenn es Abend ist. Verschwindet in den frühen Stunden. „Jeden Morgen habe ich Schlafsack und Isomatte zusammengepackt. Ich habe immer alles am Mann getragen, weil so viel geklaut wird“, sagt Frank. Überwinden musste Frank sich, als er das erste Mal Essen aus den Mülleimern klaubte: „Das war ein Bruch. Da macht man etwas, was man sich nie vorgestellt
hat.“ Mülleimer ist nicht gleich Mülleimer. Gute Mülleimer stehen vor Grundschulen. Kinder, die ihre Essenspakete nicht schaffen, werfen diese einfach weg, weil sie Angst haben, dass Mama schimpft, so erklärt es sich Frank. Obst, Gemüse, belegte Brote.

Frank braucht Geld für seinen Tabak, für sein Bier. Also sucht er Pfandflaschen, läuft stundenlang durch die Straßen. Aber nicht auf den Hauptstraßen, denn da ist zu viel los. „Da sind die anderen Flaschensammler unterwegs. Da kann es Ärger geben.“ Ärger zu vermeiden, das hat sich Frank zur Überlebensstrategie gemacht. Deswegen trinkt er nur Bier und nie vor 12 Uhr. Ja, er ist süchtig nach Alkohol. Aber es geht auch noch schlimmer, sagt er sich. Keine Drogen, kein Hartalkohol, so legt er es sich zurecht.

Warum er überhaupt auf der Straße gelandet ist? Er, der eigentlich einen Handwerkerberuf erlernt hatte, immer viel und hart gearbeitet hat? „Der Alkohol war in meiner fränkischen Heimat immer auf dem Tisch, auch als 12-Jähriger schon.“ Das war das eine. Für eine Arbeit zog er nach Berlin. Seine Frau blieb zurück. Eigentlich, so der Plan, sollte sie nachkommen. Doch mit Berlin ging alles schief. Die Arbeit setzte ihn unter Druck. Alleine trank er mehr. Weil er mehr trank, krachte es mit der Frau. Das Leben geriet außer Kontrolle, Rechnungen blieben ungeöffnet, bis alles weg war: Arbeit, Frau, Wohnung.

Frank richtet sich auf der Straße ein. Die Jahre vergehen. Er kommt über die Runden. Warum sollte er etwas ändern? Dann passiert es: ein Anfang der eine Veränderung bedeuten könnte. Frank adoptiert einen kleinen Hund. Frank liebt ihn. Endlich ist da jemand, der zu ihm gehört, den er lieben kann. Weil der Hund aber so faul war und keine Lust auf lange Flaschensammeltouren hatte, verlegte sich Frank aufs Betteln. Früh schon saß er da, an seinem Platz unter dem S-Bahn-Bogen. Dort, wo besonders viele Menschen vorbeikommen.
Seine Mütze vor ihm. Dort klimperte das Geld hinein. Ein paar Stunden durchhalten, dann hatte er zusammen, was er brauchte.

Das Besondere bei Housing First ist, dass wir einen anderen, neuen Weg gehen als das bisherige Hilfesystem für Wohnungslose

Ein zweiter Hund kommt hinzu, die Liebe wird größer. Dann stürzt Frank, er muss behandelt werden. Und hier passiert es, ein Gedanke. „Was ist mit den Hunden, wenn mir was passiert?“ Das Leben auf der Straße ist gefährlich. Er wird älter. Frank entschließt sich, dass es an der Zeit ist, Hilfe anzunehmen. 2016 war das. Es ist diese Hilfe, die ihn schließlich in eine eigene Wohnung ziehen
lässt. Es ist diese Hilfe, die er heute bei Housing First Berlin weitergeben möchte.

„Das Besondere bei Housing First ist, dass wir einen anderen, neuen Weg gehen als das bisherige Hilfesystem für Wohnungslose“, sagt die Leiterin Corinna Münchow. Der alte Weg basiere auf der Annahme, dass ein wohnungsloser Mensch sich seine Rückkehr in eine Wohnung erst verdienen muss, indem er seine Wohnfähigkeit Schritt für Schritt unter Beweis stellt, so beschreibt es Volker Busch-Geertsema, Soziologe und Experte für Wohnungslosenpolitik.

Unser Angebot ist für Menschen, die auf der Straße leben oder in einer dieser Hilfen feststecken und nicht weiterkommen

Zuerst geht es in die Notunterkunft, dann in eine Gemeinschaftsunterkunft, danach komme ein Trainingswohnen in einer betreuten Wohngemeinschaft, anschließend eine normale Wohnung mit einem speziellen Mietvertrag, also einem befristeten Aufenthalt, und erst dann die sogenannte Finalwohnung des ersten Wohnungsmarktes. Das Problem mit diesem System sei, so der Soziologe in seinen Publikationen, dass es zu viele Maßnahmen sind, die zu lange dauern, und die Menschen frustriert aufgeben und wieder auf der Straße stehen.

„Unser Angebot ist für Menschen, die auf der Straße leben oder in einer dieser Hilfen feststecken und nicht weiterkommen“, sagt Leiterin Corinna Münchow. Zwei, drei Gespräche führen sie mit ihren Klient*innen. Sie wollen herauszufinden, ob diese ernsthaft den Sprung in ein neues Leben mit einer Wohnung machen wollen und ob sie dafür bereit sind, ins System zurückzukehren. Wenn ja, dann sind die ersten Schritte bürokratischer Art. Meldeadresse, Krankenkasse, Grundsicherung und Mietübernahme durch das Sozialamt. Bei all diesen Gängen hilft zum Beispiel Frank. „Ich sage den Menschen, dass ich auch obdachlos war, dadurch kann ich ihre Ängste auffangen. Bei mir müssen sie sich nicht schämen, weil ich das auch hinter mir habe“, sagt er.

Nach der Bürokratie dauert es noch sechs bis acht Wochen, bis sie eine passende Wohnung gefunden haben. „Nicht jeder Ort ist für jeden geeignet. Die einen würden in einem anonymen Hochhaus untergehen, für die anderen ist das genau das Richtige“, sagt Münchow. Dafür arbeiten sie eng mit den Städtischen Wohnungsbaugesellschaften zusammen, aber auch mit großen und kleinen privaten Wohnungsanbietern.

„Dieser Moment, wenn dann jemand in seiner neuen Wohnung steht, ist etwas Besonderes“, sagt Münchow. Manche der Klient*innen sind sprachlos, andere weinen, wieder andere tanzen vor Freude. Eine alte Dame haben sie in einer wirklich schicken Wohnung in einer privaten Wohnungsbaugenossenschaft unterbringen können. Die Dame hätte sich wochenlang nicht getraut, ihre Sachen auszupacken, weil sie es nicht fassen konnte, dass die Wohnung jetzt wirklich für sie sein sollte.

Eine Verlängerung von Housing First ist beantragt

Nach dem Einzug werden die Menschen nicht alleingelassen, sondern je nach Problemlage und Wunsch weiterbetreut. Die einen brauchen Hilfe bei
der Haushaltsführung und Geldeinteilung. Andere sind einsam, weil ihr altes Umfeld aus der Zeit der Wohnungslosigkeit plötzlich weggebrochen ist. Wieder andere wünschen sich Hilfe beim Kontaktaufbau zur Familie. Die nächsten sind süchtig oder haben psychische Probleme, die sie jetzt mit Hilfe einer Therapie angehen können. „Von der Straße aus eine Sucht zu bekämpfen, ist nahezu unmöglich. Erst die Wohnung schafft Stabilität“, sagt Münchow.

Noch ist Housing First Berlin ein auf drei Jahre angelegtes Pilotprojekt der Stadt, das wissenschaftlich begleitet wird. Seit dem Start im Oktober 2018 konnten 66 Mietverträge abgeschlossen werden, wovon die allermeisten immer noch bestehen. Nur ein Mietvertrag wurde beispielsweise wegen Mietschulden wieder beendet. Eine Verlängerung von Housing First ist beantragt.

Frank ist glücklich mit seinem „dritten Leben“, wie er es nennt. Es gibt nur zwei Dinge, die ihn noch begleiten. „Ich kann mich nicht riechen, das habe ich auf der Straße verloren. Deswegen weiß ich auch nicht, wenn ich stinke“, sagt er. Er dusche zwar jeden Tag. „Trotzdem sage ich zu jedem hier, dass er mir Bescheid sagen soll, wenn ich stinke.“ Das andere sei der Alkohol, vor dem er sich weiterhin in Acht nimmt. Keine einzige Ausnahme. Denn die Sucht ist ja immer noch da.

Frank, so scheint es, hat seinen Platz und sein Zuhause gefunden.