Laut, eifrig, gut gelaunt

Manomama in Augsburg ist das erste textile Sozialunternehmen in Deutschland

Bei Manomama arbeiten Menschen, denen sonst oft der beamtensprachliche Stempel „multiples Vermittlungshemmnis“ aufgedrückt wird. Ein Werkstattbesuch.

Text und Fotos: Lucia de Paulis

Abwechselnd rattern die Nähmaschinen, als würden sie sich gegenseitig antworten. Durch die große Fensterfont fällt das Mittagslicht in die Halle. Wie Farbklekse stapeln sich die hüfthohen Haufen bunter Stofftaschen zwischen den Tischreihen mit den weißen Nähmaschinen. Die Näher*innen beugen sich konzentriert über den Stoff, einige wippen mit dem Kopf, weil sie beim Arbeiten auf ihren Kopfhörern Musik hören. Andere machen ein paar Reihen weiter Mittagspause, sie haben die Stühle enger zusammengestellt, lachen und unterhalten sich entspannt. Diese Fabrikhalle hat die Stimmung eines überdimensionierten Klassenzimmers: laut, eifrig und gut gelaunt.

Arbeit ist soziale Teilhabe

Wir sind zu Besuch in der Näherei von Manomama in Augsburg, dem ersten textilen Sozialunternehmen in Deutschland. Sina Trinkwalder gründete 2010 Manomama, um gezielt Menschen am Rand der Gesellschaft wieder eine Perspektive zu geben. Menschen, die sonst nicht eingestellt werden, weil sie keine Ausbildung oder keine Deutschkenntnisse haben, oder solche, die nicht zu „normalen“ Uhrzeiten arbeiten können, weil sie Kinder oder Angehörige betreuen. Bei der Arbeitsagentur bekommen solche Menschen oft den beamtensprachlichen Stempel „multiples Vermittlungshemmnis“ aufgedrückt und werden zu Langzeitarbeitslosen.„Es kann nicht sein, dass unsere Leistungsgesellschaft solchen Menschen sagt: ‚Du darfst nicht mitmachen.‘ Denn Arbeit bedeutet nicht nur Lohn. Arbeit ist soziale Teilhabe, Würde und Selbstbewusstsein“, sagt Sina Trinkwalder am Telefon. Sie ist heute in Hamburg und entwirft die neue Kleiderkollektion. Bei Manomama dreht sich die Firma um die Menschen und nicht umgekehrt. Aus diesem sozialen Gedanken entsprang zwingend ein ökologisches Geschäftsmodell, erklärt sie: „Wenn man die Menschen in den Mittelpunkt stellt, kann man gar nicht anders, als ökologisch zu produzieren. Ich will nicht, dass meine Mitarbeiter*innen mit Handschuhen und Mundschutz arbeiten müssen, weil sie Giftstoffen ausgesetzt sind. Ich habe mir überlegt: wie können wir so produzieren, dass es allen entlang der Produktionskette gut geht? Den Baumwollbauern und -bäuerinnen, die nicht mit Pestiziden verseucht werden sollen, den Weber*innen, die Lungenprobleme bekommen, wenn wir Polyester benutzen, den Färber*innen, denen die Chemie die Haut verätzt.“

Produktionshalle von oben

In der Produktionshalle von Manomama: Die Mitarbeitenden produzieren alleine 200.000 Taschen im Monat

Was wie eine Utopie klingt, schreibt schwarze Zahlen

Die Bio-Baumwolle der Manomama-Taschen wird in Nordrhein-Westfalen gewebt, die Henkel kommen aus dem Schwarzwald und der Strom aus dem Lech, der ganz in der Nähe der Produktionsstätte durch die Stadt fließt. Was wie eine Utopie klingt, schreibt reale schwarze Zahlen: Mitten im Hochlohnland Deutschland trägt sich Manomama von Anfang an finanziell selbst, ohne staatliche Subventionen, ohne Zuschüsse aus dem Europäischen Sozialfonds. Die 120 Mitarbeiter*innen haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag und bekommen einen Grundlohn von 12 Euro/Stunde gezahlt, zusätzlich einen Weiterbildungs- und Produktionsbonus, mit dem sie auf 14 Euro/Stunde kommen.

200.000 Taschen pro Monat produziert Manomama für große Unternehmen wie Edeka, Tegut und dm. Inzwischen hat sich Manomama auch ein wichtiges zweites Standbein aufgebaut, mit ökologisch produzierten Jeans und Bekleidung.

2010 fing alles an. Damals führte Sina Trinkwalder eine erfolgreiche Werbeagentur mit internationalen Auftraggebern. Mit Ende 20 hatte sie finanziell alles erreicht, was sie sich wünschte, stellte aber die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit in Frage. Die Begegnung mit einem Wohnungslosen wurde zum Schlüsselerlebnis: Sina Trinkwalder beschloss, ein Unternehmen zu gründen, das gezielt die Menschen einstellt, die beim Jobcenter als „unvermittelbar“ gelten. „Jede*r kann irgendetwas. Man muss den Menschen die Chance geben, sich zu entwickeln“, sagt Trinkwalder. Nachdem sie gemeinsam mit ihrem Exmann Stefan zwei Millionen Euro Eigenkapital in den Produktionsprozess von Manomama investiert hatte, fehlten nur noch die richtigen Mitarbeiter*innen.

Trinkwalder veröffentlichte eine halbe Seite in der „Extra“, einer kostenlosen Tageszeitung, die in Augsburg in die Briefkästen geworfen wird: „Wer arbeiten will, der soll bitte morgen zu mir kommen.“ Uhrzeit und Adresse, keine weiteren Details.

700 Bewerber*innen auf eine Annonce

Am nächsten Tag standen 700 Menschen vor der Tür. Sina Trinkwalder notierte die Telefonnummern und machte von allen ein Foto. Wer schon einen Job hatte, wurde aussortiert. „Es ging wirklich darum, diejenigen reinzuholen, die in der Gesellschaft außen vor sind“, sagt sie. Mit 167 Menschen führte sie Bewerbungsgespräche. Auf die Frage: „Was wünschen Sie sich von Ihrem Arbeitgeber?“, bekam sie durchweg die Antwort: „Immer viel Arbeit, bis zur Rente“. Von den Hartz-IV-Empfänger*innen hörte sie oft: „Wir wollen arbeiten, aber man lässt uns nicht.“

Einer, der Trinkwalders Anzeige damals las, ist Süley Kavak. „Wir haben 2010 mit 40 Leuten in einem kleinen Nähraum angefangen. Dann kamen viele Aufträge und wir sind in diese neuen Hallen gezogen.“ Er spricht mit ruhiger Stimme und behält wachsam die Maschine im Blick, die surrend die Bänder zuschneidet. „Ich hab von Anfang an alles gemacht, genäht, Zuschnitte, Maschinen repariert, Lagerarbeit, Verpacken, alles. Vor Manomama war ich auch schon im Textilbereich, aber das Unternehmen wurde geschrumpft und mir wurde nach Sozialplan gekündigt. Nach zehn Jahren Arbeit und obwohl ich kleine Kinder hatte. Danach habe ich bei einer anderen Firma angefangen, dort wurde mir nach neun Jahren Arbeit erneut gekündigt. Im Mai sind es zwölf Jahre, dass ich bei Manomama bin, und ich weiß, hier werde ich immer einen Arbeitsplatz haben.“

An einer der Nähmaschinen sitzt Waltraut Baczur. Mit freundlichen Augen schaut sie von ihrer Arbeit auf. Sie hat ähnliche Erfahrungen wie Süley Kavat gemacht. Mehrmals wurde ihr nach vielen Berufsjahren gekündigt, in einem Alter, in dem man nur schwer neue Arbeit findet. „Ich bin seit 1977 ausgebildete Näherin und seit 29 Jahren in Deutschland. Immer wieder musste ich gehen, als die Unternehmen Einsparungen machten. Seit fast neun Jahren bin ich bei Manomama. Ich springe überall ein, Nähen, Steppen, Umdrehen. Hauptsache Arbeit“, sagt sie.

Manomama-Laden

Im Laden von Manomama: Das Unternehmen trug sich von Anfang an selbst, ohne staatliche Subventionen, ohne Zuschüsse aus dem Europäischen Sozialfonds

Hier wird keine*r rumkommandiert

Ehsan Zayati ist seit zwölf Jahren bei Manomama. Er hat als Näher angefangen und ist jetzt Nähleiter. „Ich kümmere mich darum, dass alle zufrieden sind. Wir sind alle gleich und bei uns wird keine*r rumkommandiert. Die Leute werden hier nicht unter Zeitdruck gesetzt, auch wenn sie nach Stunden bezahlt werden. Und wenn jemand sagt, er muss eine andere Schicht machen, dann findet man eine Lösung. Die Leute, die zu Hause Probleme haben, müssen ja auch irgendwie ihre Kohle verdienen“, sagt Zayati. Er lächelt und arbeitet weiter.

Jede*r kann irgendwas. Man muss den Menschen die Chance geben, sich zu entwickeln.

Andrea Graf ist aus dem Verwaltungsbüro runter in die Halle gekommen. Sie hat Sina Trinkwalders Projekt von Anfang an mitverfolgt. Vor drei Jahren wechselte sie aus dem Immobilienbereich zu Manomama. „Das ist mehr als nur ein Job, ich freue mich am Sonntagabend auf den Montag, weil ich etwas Sinnvolles tue“, erzählt sie. „Bei Manomama sollen die Menschen so arbeiten, wie sie können: Wir haben verschiedene Teilzeitmodelle und sind in Kontakt mit den Jobcentern. Immer wenn wir ein bisschen Luft haben, nehmen wir bis zu 20 neue Mitarbeiter*innen auf und schauen, wie wir sie anlernen und integrieren können. Manche von ihnen möchten direkt an die Nähmaschine. Wenn man den Leuten zeigt, was möglich ist, wachsen sie an ihren Aufgaben.“

„Ich freue mich am Sonntagabend auf den Montag.“

In einer Ecke der Halle liegt ein Haufen mit neonorangen, schweren Stoffteilen neben den Nähmaschinen. Hier werden spezielle Taschen produziert, die gemeinsam mit Wohnungslosen entwickelt wurden. Sie sind wasserdicht und schmutzabweisend, haben einen Klettverschluss, weil man mit kalten, steifen Fingern Reißverschlüsse nicht so gut aufbekommt. 2016, als Manomama schon etabliert war und sich herumgesprochen hatte, dass das Unternehmen ressourcensparend produziert, bot ein Markisenhersteller an, jährlich 60 Tonnen Zuschnittreste kostenlos abzugeben. Trinkwalder wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie sie den Stoff verwerten würde. Kurz darauf hatte sie eine weitere Begegnung mit einem Wohnungslosen, der seine sieben Sachen in zerfetzten Plastiktüten rumtrug. Sie unterhielt sich ausführlich mit ihm. „Als Gottfried sagte: ‚Ich bin kein Asozialer, ich sehe mit den Tüten nur so aus‘, ging mir ein Licht auf“, erzählt Trinkwalder. Sie verarbeitete den wasserdichten Markisenstoff zu Rucksäcken und suchte nach Kooperationspartnern, um sie zu füllen: feuchte Tücher, Seife, Zahnbürsten, Handschuhe, warme Socken.

2.595 solcher Rucksäcke hat Manomama in den letzten vier Jahren kostenlos in ganz Deutschland an Wohnungslose verteilt. Wiedergewonnene Würde, der erste Schritt zurück in die Gesellschaft.

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