Thema Zusammenhalt

Der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick erklärt, wie der Zusammenhalt in der Gesellschaft gefördert werden kann

Ilustration für Zusammenhalt

Das Gespräch führte der Düsseldorfer Journalist Thomas Becker

Arm und reich, rechts und links, Ost und West, Etablierte und Außenseiter – der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick forscht seit Jahren zu Spannungs- und Konfliktpotenzialen in der Gesellschaft – und erklärt, wie der Zusammenhalt gefördert werden kann. 

Herr Professor Zick, wo sehen Sie aktuell Tendenzen der gesellschaftlichen Spaltung?

Die Gesellschaft ist aktuell natürlich massiv durch die Bekämpfung der Corona-Pandemie beeinflusst. Das hat schon historische Ausmaße. Gruppen, die auf besonderen Unterstützungsbedarf angewiesen sind, wie alleinerziehende Frauen, in Armut lebende Familien oder Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, sind besonders betroffen. Machen wir die Spaltung an sozialen und wirtschaftlichen Krisenindikatoren fest, sehen wir leider: Die Gesellschaft driftet auseinander. Aber auch im politischen und ideologischen Bereich gibt es Spannungen.

Wo tun sich Gräben auf?

Wir sehen neue Gruppen, beispielsweise Verschwörungsanhängerinnen und -anhänger, die sich selbst eine Bewegung nennen – wobei zu fragen ist, ob wir es wirklich mit einer Bewegung zu tun haben, denn dazu bräuchte es einen gesellschaftlichen Gegenentwurf. Studien zeigen zudem deutlich, dass die Spaltung zwischen rechtsextrem beziehungsweise -radikal orientierten Menschen und der Mehrheitsgesellschaft größer geworden ist. Das Ausmaß an Billigung von Aggression und Gewalt im rechten Spektrum unserer Gesellschaft war noch nie so hoch wie jetzt. Aggression und Gewalt als Mittel der Durchsetzung von politischen Ideen ist heute sehr viel stärker verhaftet. Dem steht aber eine Zivilgesellschaft gegenüber, die merkt, dass wir so etwas wie eine Verrohung haben.

Wie zeigt sich diese Verrohung?  

Durch Gewaltbilligung und -bereitschaft. Wir sehen im Internet ungebremste Hasskampagnen und -gemeinschaften, die Feinbilder in ihren Netzwerken verbreiten und massive Propaganda-Agitation betreiben. Es gibt rechtsextreme Terrorzellen, die nichts anderes versuchen, als eine Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben und die auf eine Zerstörung der Verhältnisse zielen. Denken wir nur an die Attentate von Halle und Hanau und den Mord an Walter Lübcke, die uns den Atem haben stocken lassen. Viele Menschen bringen ihre Wut auch auf die Straße. In Chemnitz haben wir im August 2018, vor nicht allzu langer Zeit, eine große Demonstration gesehen, bei der es für viele kein Problem war, sich mit einer rechtsextremen Gesinnung im öffentlichen Raum zu zeigen. Und dem steht eben eine Zivilgesellschaft gegenüber, die sich durch ein hohes Ausmaß an Engagement auszeichnet, das sich überhaupt nicht mehr verträgt mit dem Gesellschaftsbild auf der anderen Seite.

Welche weiteren Tendenzen der Spaltung sehen Sie?

Die einer klammheimlichen Spaltung: 25 Prozent der Menschen in Deutschland sind der Ansicht, dass die Gesellschaft ein reiner Verdrängungsbetrieb geworden ist und im Sozialen die Regeln des Marktes gelten, man also praktisch sein eigener Unternehmer ist. Stimmungen einer solchen Individualisierung sind sehr deutlich zu vernehmen, und das verträgt sich nicht mit unserer Idee von Gemeinwohl. Interessant ist auch, dass zwar die allermeisten Menschen zustimmen, dass es gut ist, dass wir in einer Demokratie leben. Sie sagen aber auch: Eigentlich sind die Spielregeln, nach denen unsere Gesellschaft funktioniert, ganz andere. Die Gesellschaft ist geprägt von Milieus, die nichts miteinander zu tun haben und für die nicht die gleichen Rechte gelten. Die Idee einer gemeinsamen Identität, die wichtig ist für Zusammenhalt, wird also nicht von allen geteilt. Ausgehend vom Bild eines demokratischen Zusammenhalts sind das Spaltungsphänomene.

Einer Erhebung der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts Infas zufolge ist der Zusammenhalt in den Krisenmonaten allerdings gestiegen: Im Februar 2020 hätten noch 46 Prozent der Menschen den gesellschaftlichen Zusammenhalt als gefährdet angesehen. Im Mai und Juni sei dieser Anteil auf 36 Prozent gesunken. Hat die Corona-Pandemie also doch den Zusammenhalt gefördert?

Zunächst schon. In den frühen Phasen der Pandemie sind die Solidaritätswerte gestiegen. Das haben wir auch mit einer großen Coronastudie mit über 3.000 Befragten festgestellt, die wir an unserem Institut für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld durchgeführt haben. Zunächst war die Hilfsbereitschaft für andere enorm hoch, aber mit der Zeit ist das gesunken, weil Fragen der Hygieneregeln wichtiger wurden. Zugleich ist über die Monate aber auch die Zustimmung zu Verschwörungstheorien gestiegen, auch bei jenen, die sich nicht als Coronaleugner verstehen. Zudem haben wir bei Gruppen, die kaum Bindungen an die Gesamtgesellschaft haben, zunehmende Gefühle von Vereinsahmung festgestellt. Die Sorgen und der seelische Druck auf den Einzelnen haben zugenommen. Zählt man solche Indikatoren hinzu, bin ich argwöhnisch, ob der Zusammenhalt so furchtbar stark ist.

Auch bei der Flüchtlingszuwanderung im Jahr 2015 schien zunächst der Zusammenhalt zu wachsen, bis neue politische Strömungen in Erscheinung traten. Ist es ein typisches Muster, dass neue gesellschaftliche Entwicklungen mit Spaltungen einhergehen?

Ob bei Naturkatastrophen, wirtschaftlichen Krisen oder einer Pandemie: Mit Krisen nehmen Konflikte um die Verteilung von Mitteln, Identitäten und Werte zu. Und beim Austragen dieser Konflikte kommt es zu einer erhöhten Abwertung von Gruppen. Wir sehen im Moment beispielsweise, dass Verschwörungsgruppen teilweise antisemitisch oder fremdenfeindlich agieren. In den USA war nach der massiven Immobilienkrise ein Aufstieg von Populisten zu verzeichnen. Und nach der sogenannten „Flüchtlingskrise“ nahm die Abwertung von Geflüchteten und Muslimen zu. Die Gefahr einer Krise ist, dass die Orientierungslosigkeit zunimmt und Menschen nicht mehr wissen, nach welchen Regeln gerade gespielt wird. Anomie nennen Soziologen dieses Phänomen, das besonders auftaucht, wenn Gesellschaften in Umbrüche geraten. Man kann die Anomie bremsen durch Bindungen an gesellschaftliche Institutionen. Bindungen wirken heute aber nicht mehr so stark wie früher und sind nicht mehr in der Lage, eine Anomie aufzuhalten.

Unter Ihrer Mitarbeit erschien vor einigen Jahren die viel beachtete Studie „Die Abwertung der Anderen“. Ein Ergebnis war, dass Menschen mit hohen identitätsstiftenden Merkmalen – auch Christinnen und Christen – besonders anfällig sind, Spaltungen in der Gesellschaft zu erzeugen. Wie ist das zu erklären?

Die einschränkende, ausschließliche und überstarke Identifikation mit einer Gruppe macht anfällig, andere abzuwerten. Die Wir-Identifikation braucht immer die Anderen zur Abgrenzung. Wir können uns nur selbst und persönlich definieren, indem wir wissen, was wir nicht sind. Auf der kollektiven Ebene, der Gruppenebene, bedeutet das: Menschen in Gruppen können ihr Selbstkonzept vollkommen durch die Gruppe identifizieren. Wenn Menschen also beispielsweise einen ausgeprägten Nationalstolz haben, öffnet das die Tür für die Abwertung von Anderen – etwa von Flüchtlingen und Migranten. Und wenn wir uns die Religion angucken: Nicht die Religion macht anfällig, auch nicht das Christlich-Sein, sondern anfällig sind Menschen, die einen Teil ihres Selbstkonzepts auf einer ausschließlichen Identifikation mit bestimmten Gruppen begründen. Das haben wir häufig bei fundamentalistisch orientierten Menschen, die ihre Religion für die einzig wahre halten. Das betrifft auch Menschen, die meinen, sie lebten in einem Land, in dem zur Dazugehörigkeit zu einer Nation gehört, dass alle weiß sind, gleich aussehen und die gleiche Sprache sprechen. Das kann einen Selbstwert schaffen, aber dieser Selbstwert hängt eben ab von der Abwertung der Anderen.

Wie lassen sich aktuelle Spaltungstendenzen abfedern?

Zunächst einmal braucht es ein klares Zeichen der Distanzierung von Gewalt und der Entwürdigung von Gruppen. Angesichts eines überbordenden Rassismus, wie sie uns die Attentate von Hanau, Halle und Christchurch vor Augen geführt haben, müssen wir die Gewaltfrage ansprechen. Zudem müssen wir dringend Vorurteile und negative stereotype Bilder abbauen. Drittens müssen wir Erfahrungsräume schaffen, in denen sich Menschen vorurteilsfrei begegnen können. Wir wissen aus der Forschung zu Vorurteilsmustern, wie wichtig es ist, solche Räume zu schaffen und Gruppen miteinander in Kontakt bringen.

Wie kann das geschehen?

Indem man beispielsweise betont, dass die Begegnung der Verschiedenen gewünscht ist. In den USA etwa soll Rassismus durch kooperativen Unterricht an Schulen durchbrochen werden: Kinder unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe werden ganz systematisch in einen Austausch gebracht. Auch in Deutschland sollten Staat, Unternehmen und Wohlfahrtsverbände Konzepte von Diversität und Vielfalt fördern – etwa in Kitas oder Altenheimen. Ich selbst entwickle gerade Konzepte, wie sich Artikel 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ umsetzen lässt. Ich denke, dazu ist es wichtig, dass wir unsere Perspektiven umkehren. In der konkreten Arbeit wäre die Frage nicht: Was brauchen die anderen? Sondern: Wie schaffe ich einen Raum, indem sich Würde entfalten kann?

In einem Vortrag haben Sie davon gesprochen, dass ein „demokratisches Klima einer Gleichwertigkeitsnorm“ gefördert werden müsse. Was verstehen Sie darunter?

In unseren Studien haben wir Vorurteilsmuster der unterschiedlichsten Gruppen gemessen und gesehen, dass unterschiedliche Vorurteile miteinander verbunden sind. Wer beispielsweise antisemitisch ist, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit auch migrantenfeindlich. Deswegen reden wir in der Forschung von einem Syndrom gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Sobald Menschen akzeptieren, dass es in der Gesellschaft Ungleichwertigkeit gibt – die einen sind oben, die anderen unten, wieder andere in der Mitte – und dass diese Hierarchien auch zu akzeptieren sind, nach dem Motto „Es ist halt so“ und „Es gibt eine Wertigkeit zwischen Gruppen“, entwickelt sich dieses Syndrom der Abwertung von Anderen. Und das bedeutet für uns: Wir müssen in unseren Projekten Bedingungen schaffen für Gleichwertigkeit.

Das klingt nach Arbeit.

Ja, wir haben zum Beispiel Projekte durchgeführt, bei denen Kinder und Jugendliche in Schulen darüber Auskunft geben sollten, ob es höherwertige und minderwertige Menschen oder Gruppen gibt. Und ob sie selbst die Erfahrung von Ungleichwertigkeit gemacht haben.

Diese Erfahrung machen sie doch bestimmt bei jedem Zeugnis, wenn Noten vergeben werde, oder?

Genau. Also bringen wir Schülerinnen und Schüler mit dem Lehrpersonal zusammen in einen Austausch darüber, ob Noten ein Indikator für eine soziale Ungleichwertigkeit sind.

Und was kommt da raus?

Manchmal erzählen Lehrerinnen und Lehrer, dass Kinder die Noten falsch verstehen. Noten seien nur eine Rückmeldung, damit sich die Schülerinnen und Schüler verbessern. Manche Kinder wiederum erzählen, dass sie anders benotet werden, weil sie keine typisch deutsch klingenden Namen haben. Bei dem Punkt wird es dann ungemütlich. Und man redet darüber, wie die Gleichwertigkeit hinzubekommen ist. Klar sollte sein: Wer eine Eins hat, ist kein besserer Mensch.

In der Ökumene der Kirchen ist häufig die Rede von einer versöhnten Verschiedenheit – als Leitbild dazu, wie Christen mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen friedlich miteinander auskommen könnten. Hilft das weiter, um Spaltungen zu überwinden?

Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Wir müssen danach fragen, welche Bildung uns hilft, auf andere zuzugehen und Vielfalt zu akzeptieren. Wir haben in einer Studie die unterschiedlichen Formen der Toleranz untersucht: angefangen von der Aussage „Ich dulde dich“ bis hin zu Aussagen, die eine echte Wertschätzung des Anderen erkennen lassen. Wenn ich beispielsweise sage, dass Muslime in ihrer Gottesvorstellung ehrfürchtig sind, bewerte ich nicht den Glauben als richtig oder falsch, sondern bringe meine Wertschätzung zum Ausdruck. Das ist mit wertschätzender Toleranz gemeint. Wichtig ist auch die Fähigkeit, eigene Annahmen infrage zu stellen. Trotz allen Vertrauens kann ich zweifeln, um neue Positionen zu gewinnen. Der Zweifel ist ungeheuer wichtig. Extremisten und Populisten zweifeln nie.

Prof. Dr. Andreas Zick

Andreas Zick ist Professor für Sozialisation und Konfliktforschung und leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.