Sucht auf Rezept

Medikamentensucht ist ein unsichtbarer Riese

Die Sucht nach Medikamenten ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Trotzdem finden Betroffene selten den Weg in spezialisierte Beratungsstellen. Warum das so ist, erklärt die Leiterin des Suchtberatungs- und Therapiezentrums der Diakonie, Denise Schalow.

Titelbild: danilo.alvesd on Unsplash

Der Griff zur Droge aus der Pillendose ist in Deutschland ein gigantisches Problem. Medikamente rangieren auf der Hitliste der Suchtmittel auf dem zweiten Platz, hinter Zigaretten und vor dem Alkohol. Gesicherte Zahlen gebe es zwar nicht, „Schätzungen besagen aber, dass 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen nach Tabletten, Pillen, Pulvern, Säften, Sprays und Kapseln süchtig sind“, sagt Denise Schalow von der Diakonie. Man wisse auch, dass eher Personen fortgeschrittenen Alters und Frauen häufiger als Männer betroffen sind. Die Ausnahme bildet eine kleine Teilgruppe, die aktuell aber viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommt: eher jung, von der Selbstinszenierung in ihrer Altersgruppe bekannter Musiker*innen angespornt und im Verhalten einer klassischen Drogensucht nahe. Aber Denise Schalow geht es im Folgenden um die weitaus größere Gruppe. Denn trotz der immensen Anzahl möglicher Betroffener – in einer großen Stadt wie Düsseldorf statistisch mehr als 20.000 – finden nur wenige den Weg in die Beratung: Die Suchtberatung der Diakonie an der Langerstraße zählte im vergangenen Jahr aus diesem Kreis gerade einmal sechs Personen, die bei ihr Beratung und Hilfe gesucht haben.

Unterschiedliche Tabletten, Pillen und Kapseln in Blister-Verpackungen

Medikamente rangieren auf der Hitliste der Suchtmittel auf dem zweiten Platz, hinter Zigaretten und vor dem Alkohol.

Bild: Roberto Sorin on Unsplash

Die erste Dosis gibt`s oft auf Rezept

Der Weg in die Sucht beginnt oft beim Arzt. Für die Expertin ein Hauptgrund, warum viele Betroffene ihr Problem nicht erkennen oder erkennen wollen. Selbst dann nicht, wenn aus einem anfänglichen Missbrauch nach den medizinischen Diagnosekriterien längst eine echte Sucht geworden ist und körperliche, psychische und soziale Folgen auftreten. Andere haben sich über Jahre mit ihrem Medikament auf niedriger Dosis eingerichtet – Low Dose Dependency nennt man das. „Wie bei anderen Suchtmitteln auch ist das Medikament über lange Zeit zu einem Begleiter geworden, von dem Betroffene nicht loslassen wollen“, erläutert Denise Schalow. Dazu kommen neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die zeigen, dass viele Medikamente für Frauen stark überdosiert sind. Denn die Pharma-Hersteller entwickeln ihre Medikamente bisher fast nur für Männer. Eine mögliche Folge: Medikamentenabhängigkeit trifft Frauen häufiger.

Keine Fahne, an der man die Sucht erkennt

Ein weiterer Grund, warum das Problem häufig lange unerkannt bleibt: Für Angehörige ist die Sucht oft nicht klar zu identifizieren. „Anders als beispielsweise beim Alkohol ist problematisches Verhalten schwer zu erkennen“, sagt Denise Schalow. „Bei Medikamenten berichten Angehörige eher von einem ganzen Strauß verschiedener Irritationen, die sie bemerken: Betroffene stehen häufiger neben sich, sind vergesslich, haben wenig Antrieb oder ziehen sich zurück, erscheinen gleichgültig.“ Bis man da auf die Medikamente als Grund komme und deren Einnahme als problematisch empfinde, könne es lange dauern.

Apotheke und Arzneischrank statt Dealer am Hauptbahnhof

Die Betroffenen nutzen für die Beschaffung das System der medizinischen Versorgung in Deutschland. Ärzt*innen bleibt oft nur wenig Zeit für ihre Patient*innen und ein Austausch über Verordnungen zwischen unterschiedlichen Ärzten findet fast nicht statt. „Da werden Medikamente durchaus verschrieben oder weiter verordnet, obwohl klar ist, dass diese und die Situation problematisch sind. Mediziner*innen berichten uns auch von Patient*innen, die bestimmte Medikamente sehr nachdrücklich einfordern. Oder Betroffene lassen sich ihr Medikament von unterschiedlichen Ärzten verschreiben, auch auf Privatrezept, um der Kontrolle der Krankenkassen zu entgehen“, sagt Denise Schalow. Dazu kommt die Möglichkeit, sich online Nachschub zu bestellen. Gelegentlich wird heimlich der Medikamentenvorrat innerhalb der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis geplündert. „Ich kenne die Geschichte eines Vaters, der sich am Ritalin-Vorrat seines Sohnes bedient hat“, erläutert die Expertin beispielhaft.

Ein Apotheken-Zeichen

Die Betroffenen nutzen für die Beschaffung das System der medizinischen Versorgung in Deutschland.

Bild: Mika Baumeister on Unsplash

Die Diakonie hilft beim Weg aus der Sucht

„Eine Sucht“, so Denise Schadow, „ist letztlich immer ein gescheiterter Selbstheilungsversuch.“ Die Betroffenen nehmen das Medikament, um sich zu helfen. Da reicht es nicht, ihnen zu sagen, dass sie von ihrem liebgewordenen Begleiter ablassen müssen, das Medikament in seiner Dosis verringert oder abgesetzt werden soll. „So ein Ausstieg muss ärztlich und durch eine spezialisierte Beratung sowie – bei Bedarf – therapeutisch begleitet werden. Da müssen Fragen beantwortet, Sorgen und Ängste adressiert werden, und die Betroffenen müssen dort lernen, diese zu verstehen und wie man mit ihnen umgeht, um sich selbst zu helfen“, erklärt die erfahrene Suchtberaterin. Es ist also wichtig, dass die Betroffenen die Hilfsangebote der Beratungsstellen kennen und nutzen. Nur so kann verhindert werden, dass beim nächsten aufkommenden Problem die Pillendose wieder aufgemacht wird.

 

Suchen Sie Hilfe für sich selbst oder jemanden, den Sie kennen? Das Suchtberatungs- und Therapiezentrum der Diakonie hilft Ihnen weiter. Nehmen Sie einfach telefonisch unter 0211 73 53 264 oder per E-Mail an fachambulanz@diakonie-duesseldorf.de Kontakt auf und vereinbaren Sie einen persönlichen Termin.

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