Bereits seit 2011 ist der „gutenachtbus“ in der Düsseldorfer Innenstadt im Einsatz. Das Projekt wird von vision:teilen e.V. geleitet und wurde in Kooperation mit FiftyFifty initiiert. Die zentrale Idee: auch spätabends noch Unterstützung für obdachlose Menschen gewährleisten. Herzstück des Projektes ist ein Mercedes-Sprinter, der dem Team als fahrendes Ess- und Sprechzimmer dient und damit die nächtliche Versorgungslücke schließt. Jeden Wochenabend ist der Bus im Einsatz: von 22 bis 23 Uhr in der Altstadt und anschließend von 23:15 bis 00:15 Uhr am Hauptbahnhof und so geht es das ganze Jahr über. Vor Ort werden sowohl eine warme Mahlzeit und Heißgetränke angeboten als auch Kleidung verteilt. Im Winter ist das Team - insbesondere bei Temperaturen unter 0°C - zusätzlich aufsuchend tätig, und kann im Notfall Personen mit dem Bus transportieren.
Seit 2018 erweitert der „Frauenbus“ das Repertoire des Projektes. Denn Frauen sind aus vielfältigen Gründen oft „versteckt“ obdachlos und so sind es stets mehr Männer, die den Bus besuchen. Aber wenn dann doch eine Gästin kam, fehlte es zuvor beispielsweise an passender Kleidung oder an speziellen Hygieneprodukten. Daher begleitet seitdem jeden zweiten und letzten Mittwoch im Monat der Frauenbus den Einsatz. An Bord sind dabei ausschließlich Frauen, die nun gut ausgestattet auch den spezifischen Bedürfnissen von obdachlosen Frauen begegnen können.
Geleitet wird das Projekt zur Zeit von drei hauptamtlichen Mitarbeitenden. Darunter auch Nikolai Karrasch, der als Quereinsteiger vor gut einem Jahr Teil des Teams wurde. Obwohl er eigentlich Operngesang studiert hat und nebenbei Erfahrungen in der Altstadt-Gastronomie sammelte, ist er jetzt Ansprechpartner für die Ehrenamtlichen und treibt das Projekt mit viel Energie voran. Nebenbei studiert er Sozialarbeit an der HSD und macht damit aktuell seinen zweiten Bachelor. Treibende Kraft des gutenachtbusses sind aber vor allem die rund 120 Ehrenamtlichen, die sich regelmäßig für das Projekt engagieren und die Einsätze begleiten. Nicht nur abends wird mit angepackt - auch tagsüber gibt es helfenden Hände, wie etwa die „Brötchenschmierer*innen“. „Unter den Ehrenamtlichen sind Menschen aus allen Altersgruppen und Lebenslagen“, verrät Nikolai Karrasch, „von Studierenden über Berufstätige bis hin zu Rentner*innen. Die älteste Ehrenamtliche ist bereits 72 und darunter findet sich eigentlich jedes Alter wieder.“
Vielfalt trotz Routine – das zeichnet den Einsatz aus
Im Grunde könnte ein Abend am gutenachtbus stets gleich verlaufen, da dem Team eine klare Struktur vorgegeben ist. Jedem Wochentag, sowie dem Frauenbus, ist ein eigene Gruppe an Ehrenamtlichen zugeordnet. „Pro Einsatz besteht ein Team dann immer aus sieben Mitgliedern. Zwei bereiten das Essen zu, zwei geben es aus, zwei verteilen Kleidung, und eine Person hat Zeit, um Gespräche zu führen und den Besucher*innen ein offenes Ohr zu schenken“, erklärt Nikolai Karrasch. Zudem könne der- oder diejenige in brenzligen Situationen deeskalierend eingreifen und so größere Konflikte vermeiden. Aber trotz dieser durchdachten Organisation bleibt jeder Einsatz einzigartig. Mal ist es ruhiger - mal voller Begegnungen und Gespräche. „Jeder Abend ist ganz reich“, empfindet der Projektleiter. Ein ehemaliger Obdachloser vertraute ihm bei einer erneuten Begegnung am Bus einmal an: „Ihr leistet hier echt was! In den Stunden nachts und am Tag, in denen ihr nicht da seid, erleben wir oft auch Unschönes auf der Straße. Das hinterlässt seine Spuren. Und obwohl es daher nicht immer einfach mit uns ist, schenkt ihr uns hier trotzdem noch ganz viel - nach jedem langen Tag.“
Nach den Einsätzen können die Ehrenamtlichen Supervisionstermine in Anspruch nehmen, wenn sie das Erlebte vertraulich reflektieren möchten. „Das meiste wird aber bereits innerhalb des Teams aufgefangen“, berichtet Nikolai Karrasch, schließlich sei niemand allein vor Ort. Außerdem werden Schulungen, etwa zur Drogenkunde, und auch ein Deeskalationstraining angeboten. So können die Teams sich zusätzlich weiterbilden und kennenlernen. Ein Höhepunkt des Miteinanders war das diesjährige Winterfest im Dezember, bei dem über 200 Ehrenamtliche und Unterstützer*innen zusammenkamen – ein Zeichen für die starke Gemeinschaft hinter dem Projekt.
Wir werden gebraucht, aber wir brauchen auch euch
Die Nachfrage in den vergangenen Monaten ist spürbar gewachsen. „Wir geben so viel raus, wie noch nie zuvor“, berichtet Nikolai Karrasch. Armut nimmt schließlich auch in Düsseldorf zu, und mit ihr der Bedarf am gutenachtbus. Nicht zu vergessen sei dabei, dass jeder und jede auf der Straße seine eigene Geschichte zu erzählen hat und weiterhin Respekt verdient. Würdevolle Begegnungen auf Augenhöhe seien daher entscheidend – im Einsatz, und auch außerhalb. Ein freundliches „Hallo“ oder ein unvoreingenommenes Gespräch könnten schon viel bewirken im alltäglichen Miteinander, so Nikolai Karrasch.
Neue Kooperationen stärken das Projekt zusätzlich. So unterstützt beispielsweise die Rheinbahn den gutenachtbus mit der Übernahme von Wartungsarbeiten an den Sprintern, der Abgabe von Sachspenden aus dem Fundbüro sowie der „Shelter Map“, die einen Überblick über die Anlaufstellen für bedürftige Menschen im Liniennetz gibt. Außerdem findet das Thema – „Respektvoller Umgang mit Obdachlosen“ - nun durch Schulungen für die Rheinbahn-Lotsen Eingang in die Einarbeitung neuer Kolleg*innen. Aber auch andere Firmen engagieren sich für das Projekt, indem ihre Mitarbeitenden für einen Tag im Lager helfen oder finanzielle Unterstützung leisten.
Sach- und Geldspenden helfen jederzeit enorm. Kleidung, Hygieneprodukte und andere Gebrauchsgegenstände können jeweils Montag bis Donnerstag von 10–11 Uhr sowie Mittwoch von 16–17 Uhr auf der Harffstraße 47 (40591 Düsseldorf) im Hinterhof abgegeben werden. Wichtig ist dabei die Bedarfsliste auf gutenachtbus.org zu beachten, die regelmäßig an die Saison und Lagerstände angepasst wird. Denn alle Spenden müssen sorgfältig auf ihre Qualität hin geprüft werden und danach auch einen Platz im Lager finden. Sachen, die im Einsatz nicht verwendet werden können oder an denen aktuell kein Bedarf besteht, werden selbstverständlich weiterverwertet, aber die Weitergabe an andere Einrichtungen kostet wiederum zusätzliche Zeit. Und hier beim gutenachtbus zählt jede Stunde – ob im Lager, beim Brötchenschmieren oder bei den Einsätzen am Abend - am Ende soll die Hilfe schließlich den Menschen auf der Straße zugutekommen.
Das Angebot des gutenachtbus wird aber schlussendlich vor allem von den fleißigen Ehrenamtlichen getragen. Wer dabei sein will, braucht für den Einstieg bloß Interesse am Umgang mit Menschen aus allen Lebenslagen und die Bereitschaft, regelmäßig Zeit zu investieren. Neben den Team-Einsätzen am Abend wird angedacht, weitere ehrenamtliche Tätigkeiten einzurichten, die tagsüber stattfinden. Alles weitere erfahren Interessierte dann bei einem ersten Kennenlernen. Denn die harmonische Zusammenarbeit trotz der Vielfalt unter den Ehrenamtlichen ist ein weiteres Herzstück des Projektes. „Unsere Teams strahlen alle eine ganz eigene Stimmung und Dynamik aus“, bestätigt auch Nikolai Karrasch.
Wer Lust hat, zu jeder Jahreszeit Menschen in Not in den Abendstunden zu helfen, erhält weitere Informationen in der Freiwilligenzentrale.
Text: Zoe Stellbrink
Foto: Ludovico Schuld